Geschichte – Eiskeller, Stadtbrand 1921 & hundert Jahre Gastlichkeit | The Vita Cave

I — 1921

Aus der Asche des Ratsstüble.

In der Nacht vom 1. auf den 2. August 1921 brach in der Bietigheimer Altstadt ein Feuer aus. Nach einem langen, trockenen Sommer griff es schnell um sich. Neun Wohnhäuser und vier Scheunen zwischen Rathaus und Stadtkirche brannten nieder, 21 Familien verloren ihr Zuhause. Ums Leben kam niemand.

Unter den Betroffenen war Familie Reinhardt, die bis dahin das „Ratsstüble“ geführt hatte. Noch im selben Jahr zogen Eugen und Karoline Reinhardt in das Haus am Marktplatz. Mit ihrem Neuanfang begann eine Familiengeschichte der Gastlichkeit, die hundert Jahre dauern sollte.

Auch der Marktplatz ist ein Kind dieser Nacht. Vor dem Brand war er nur ein schmales Dreieck zwischen Marktbrunnen und Rathaus. Der Stuttgarter Architekt Adolf Abel plante die Neubebauung und erweiterte den Platz deutlich nach Norden. So entstand der weite Platz, auf den das Haus heute blickt.

Historische Aufnahme der Bietigheimer Altstadt um 1900
Bietigheim um 1900, vor dem Brand von 1921.
Quelle: Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen
Das große Gewölbe von oben mit eingedeckten Holztischen Kerze im Silberleuchter vor unscharfem Gewölbe

II — Unter dem Haus

Kühl seit Generationen.

Unter dem Haus liegt ein historischer Eiskeller, wie ihn Gasthäuser und Metzger einst für ihre Vorräte nutzten. Bevor es Kühlschränke gab, wurde im Winter Natureis geschnitten und in tiefe, dickwandige Gewölbe eingelagert. Gut isoliert hielt es sich dort oft bis in den Sommer.

Lange war der Keller stillgelegt. Regine und Burkhard Schork, die das Haus ab 1988 führten, ließen ihn im Zuge ihrer Umbauten wieder herrichten. Als „Schillers Eiskeller“ wurde er zum Rahmen für besondere Feiern.

Im Gewölbekeller lagerten zu dieser Zeit rund 1.400 verschiedene Weine. Das Haus stand damit in einer langen Tradition: Im 15. und 16. Jahrhundert brachten Weinbau und Weinhandel Bietigheim zu Wohlstand, und die gewölbten Keller unter den Altstadthäusern sind ein Erbe dieser Zeit.

2021 übernahm Onur Deniz das Haus. Der gebürtige Bietigheimer, der zuvor Lokale in Ludwigsburg geführt hatte, wollte die Altstadt rund um den Marktplatz neu beleben und die Räume sanieren, ohne ihren Charakter zu verändern. Mit The Vita Cave führt er heute auch die Geschichte des Gewölbes weiter: Wo einst Eis und Wein lagerten, wird wieder gefeiert.

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Friedrich Schiller · Das Lied von der Glocke, 1799

III — Zeitleiste

Stadt, Haus und Keller.

  1. 1364

    Bietigheim erhält das Stadtrecht.

  2. 15./16. Jh.

    Weinbau, Weinhandel und die Flößerei auf der Enz bringen der Stadt Wohlstand.

  3. 1507

    Am Marktplatz entsteht das Fachwerk-Rathaus mit Erkerturm und Kunstuhr, das Gegenüber des Hauses.

  4. 1853

    Das Enzviadukt wird fertiggestellt, bis heute das Wahrzeichen der Stadt.

  5. 1921

    Stadtbrand in der Altstadt. Eugen und Karoline Reinhardt ziehen in das Haus am Marktplatz – der Beginn von hundert Jahren Gastlichkeit in einer Familie.

  6. 1922–1933

    Neubebauung des Brandplatzes nach Plänen von Adolf Abel. Der Marktplatz erhält seine heutige Weite.

  7. 1988

    Regine und Burkhard Schork übernehmen das elterliche Gasthaus „Zum Schiller“. In den folgenden Jahren lassen sie den stillgelegten Eiskeller wieder herrichten.

  8. 2021

    Nach hundert Jahren und vier Generationen übergeben die Schorks das Haus an Onur Deniz.

  9. 2022/23

    Neubeginn mit Respekt vor dem Alten: Restaurant „Vita“, Café „Dolce Vita“ und das wiedereröffnete Hotel.

  10. Heute

    Im Gewölbe wird wieder gefeiert: Hochzeiten, Firmenfeiern und private Feste unter dem Natursteingewölbe.